170.000 Menschen sind heute aufgerufen den Integrationsrat der Stadt zu wählen. Elfnachelf.de hat mit dem Vorsitzenden Tayfun Keltek über dessen Arbeit gesprochen.
Herr Keltek, ich lebe seit mehreren Jahren in Köln und habe vorher noch nie etwas von einem Integrationsrat gehört. Woran liegt das?
Ich habe generell den Eindruck, dass die Kommunalpolitik nicht so wahrgenommen wird wie die Bundes- oder Landespolitik. Außer wenn es zu Skandalen kommt, ist das Interesse daran gering. Das betrifft natürlich auch den Integrationsrat.
Wozu braucht die Stadt Köln einen solchen Rat?
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Struktur unserer Gesellschaft von Grund auf verändert. Heute haben 50 Prozent der Jugendlichen in Köln einen Migrationshintergrund. Kurz: unsere Gesellschaft ist vielfältiger geworden. Also muss die Zukunft der Stadt auch vielfältiger gestaltet werden. Das ist auch Aufgabe des Integrationsrates.
Eines der zentralen Anliegen des Rates ist, die bilinguale Erziehung zu fördern. Wieso das?
Wir im Rat sind der Überzeugung, dass eine Förderung der Muttersprache eine wichtige Voraussetzung für den Erwerb der deutschen Sprache ist – von den kulturellen und wirtschaftlichen Vorteilen, die dadurch entstehen, ganz zu schweigen. Natürlich möchte ich betonen, wie wichtig es ist, Deutsch zu können. Aber um das zu erreichen, ist es wichtig, die eigene Muttersprache gut zu kennen.
Können Sie uns ein Beispiel geben, wo die Arbeit des Integrationsrates Früchte getragen hat?
Heute machen vielmehr Jugendliche mit Migrationshintergrund eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung. 2005 waren es nur 2,5 Prozent, im vergangenen Jahr immerhin 28 Prozent.
Seit dem vergangenen Jahr gilt eine neue Klausel, nach der nur wählen darf, wer nicht länger als fünf Jahre den deutschen Pass besitzt. Dürfen Sie sich denn dann überhaupt selbst wiederwählen?
Nein, darf ich nicht. Durch diese neue Regelung wird ein großer Anteil der Migranten – ich schätze 50 Prozent – von der Interessenvertretung ausgeschlossen. Wir haben gegen diese neue Regelung protestiert, aber leider erfolglos.
Bei Ihrer Arbeit haben Sie zwangsweise mit der Fraktion von Pro-Köln im Stadtrat zu tun. Wie gehen Sie mit denen um?
Die Fraktion von Pro-Köln stimmt unseren Anträgen und Vorschlägen meist als einzige nicht zu, sonst lassen wir uns nicht von ihnen beeindrucken. Man sollte Pro-Köln ernst nehmen – aber nicht zu ernst.
Gerade gegen den Bau der Moschee hat Pro-Köln mobilisiert. Wie steht der Integrationsrat zu der Sache?
Wissen Sie, über den Islam wird zu viel geredet. Natürlich bin ich für die Gleichbehandlung aller Religionen im Sinne des Grundgesetzes. Aber ich halte es für kontraproduktiv, ständig den Islam zu thematisieren. Es ist immer leichter zu sehen, was Menschen unterscheidet. Auf was es aber ankommt, sind die Gemeinsamkeiten.
Das Interview führte Philipp Hauber.
Tayfun Keltek ist seit Gründung des Integrationsrats 2004 dessen Vorsitzender. Der 62-Jährige stammt aus Sivas in der Türkei, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert und ist Sportlehrer. Er ist langjähriges Mitglied im Deutsch-Türkischen Verein Kölns und WDR-Rundfunkrat. Für sein Engangement in der Integrationsarbeit erhielt Keltek im Jahr das Bundesverdienstkreuz.
Wahlberechtigt sind heute alle Kölner Migranten, die keinen deutschen Pass haben oder deren Einbürgerung weniger als fünf Jahre zurückliegt. Der Rat besteht aus 33 Mitgliedern, zwei Drittel davon werden gewählt, die übrigen aus dem Rat ernannt. Das Gremium befasst sich unter anderem mit der Förderung der bilingualen Erziehung, der interkulturellen Öffnung der Stadtverwaltung und der Einrichtung eines Zentrums für Mehrsprachigkeit und Migration. Dazu unterbreitet er dem Stadtrat Vorschläge.
Fotos: Philipp Hauber; privat








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