Seit April haben linke Kölner eine neue Adresse: das besetzte Haus in Kalk. Doch die Räumung ist angekündigt. Elfnachelf hat sich vor Ort umgesehen, solange es noch geht.
Alle warten auf die Polizei. Es ist kurz nach vier Uhr morgens. Jens setzt den ersten Kaffee auf. Der Student geht zurück in den großen Saal, zu den 150 anderen, die hier warten. Es ist vielleicht ihr letzter Morgen in dem Haus in Kalk, das die Gruppe im April besetzt hat. „Heute wird geräumt“, stand in der SMS, die gestern Abend rumging. Viele der Besetzer rechnen damit, dass die Polizei Schlagstöcke und Tränengas einsetzen wird. Aber keiner will freiwillig gehen.
Jens, der aus Angst vor der Polizei seinen echten Namen nicht nennen und sein Gesicht nicht fotografieren lassen will, gehört zur Gruppe Pyranha. Die jungen Leute haben das Haus in Kalk besetzt, weil sie einen Raum wollen, wo sie sich ausleben können, unabhängig von Staat, Polizei und Kommerz. Aber in der Wiersbergstraße 44 ist eigentlich kein Platz für sie. Das Haus gehört der Rhine Estate, der Immobilientochter der Sparkasse Köln-Bonn. „Wir wollen unser Eigentum zurück. Wir werden räumen lassen“, sagt der Pressesprecher der Sparkasse, Norbert Minwegen, zu Elfnachelf.
Aber an diesem Morgen Ende Juni ist es noch nicht so weit (wir berichteten). Jens und seine Mitstreiter sind umsonst so früh aufgestanden, die Polizei hat nicht angeklopft. Doch jetzt leben sie mit der ständigen Bedrohung, rauszufliegen.
Das Zentrum
Das besetzte Haus ist die alte Werkskantine der Klöckner-Humboldt-Deutz AG. Hier ist in den vergangenen drei Monaten ein Autonomes Zentrum entstanden, wie die Besetzer es selbst nennen. In den Räumen haben sie Ateliers eingerichtet, einen Konzertsaal und einen Partykeller. Jede Wand ist mittlerweile bemalt, besprayt oder beschrieben. Ein kleines pinkes Monster mit schrecklich verzerrter Stimme hat auf Youtube eine Hausführung hochgeladen:
Auch andere Städte haben solche Häuser, wie die Köpi in Berlin und die Rote Flora in Hamburg – bundesweit bekannte Veranstaltungsräume. Die Berliner Köpi wurde kurz nach der Besetzung legalisiert, und in Hamburg überlegt die Stadt, ob sie die Villa der Roten Flora kaufen soll, um eine Räumung zu verhindern. Zum Ungdomshuset in Kopenhagen, das nach der Besetzung von der Stadt zunächst legalisiert wurde, kamen Touristen und Künstler aus der ganzen Welt, bis es geräumt wurde.
Ein besetztes Haus ist der illegale Bruder eines sozio-kulturellen Zentrums wie der Alten Feuerwache oder dem Kulturbunker Mühlheim. Links, politisch, kulturell – durch die autonomen und sozio-kulturellen Zentren weht ein Hauch von 1968. Für manche ist es Revolutionsromantik, für andere politische Überzeugung.
In der Wiersbergstraße haben schon Gymnasiasten aus der Nachbarschaft eine Party gefeiert, um ihren Abiball zu finanzieren. Ein autonomes Zentrum, argumentieren die Besetzer, könnte das Viertel aufwerten. „Nur dank uns gibt es das erste rechtsrheinische Kino“, sagt Jens. Hier laufen Filme wie Der Polizeistaatsbesuch und Lucio – ein baskischer Anarchist.
Vor kurzem war Ted Gaier von der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen zu Gast, um auf einer Podiumsdiskussion über Gentrifizierung zu reden. Für solche Veranstaltungen, sagen die Aktivisten, war seit dem Ende der Schnapsfabrik kein Platz mehr in Köln. „Wir arbeiten abseits von gewinnorientierten Strukturen“, sagt Jens. Der Eintritt bei einer Party im Haus kostet höchstens drei Euro.
Das Gesetz und die Politik
Die Besetzer haben dem alten Backsteinhaus Leben eingehaucht. Lange Jahre stand es leer. Die Sparkasse hatte keine konkreten Pläne, was mit dem Gelände passieren soll. Doch es den Besetzern zu überlassen, kommt für sie nicht in Frage. Die Sparkasse argumentiert, dass sie verantwortlich ist, wenn bei den Veranstaltungen im Haus etwas vorfällt. „Schlussendlich haften wir“, sagt Pressesprecher Minwegen. Außerdem bezweifelt die Sparkasse, dass die Statik des Hauses sicher genug ist. Dem widersprechen mehrere Gutachten, die die Besetzer vorgelegt haben. Ob diese Studien die Sparkasse überzeugen, ist fragwürdig. Eigentum bleibt Eigentum.
Die Sparkasse steht mit ihren Vorbehalten nicht alleine da. „Ein autonomes Zentrum ist das Letzte, was Kalk braucht“, sagt Wolfgang Gärtner, der Vorsitzende der CDU in Kalk, dem Kölner Stadtanzeiger. Andere Kommunalpolitiker befürchten, dass das Haus zur Steineschmeißer-Schaltzentrale werden könnte, wie es auch der Berliner Köpi und der Roten Flora in Hamburg vorgeworfen wird. Tatsächlich hat beispielsweise die Antifaschistische Jugend Köln schon zu einem Treffen nach Kalk eingeladen. Auch die Aufrufe der Besetzer sind teilweise sehr martialisch.
Die Besetzer hoffen trotzdem auf die Politik. Am Tag, als die Räumung ausblieb, die ihnen ein Informant aus Polizeikreisen gesteckt hatte, besuchten sie spontan OB Jürgen Roters (SPD). Er erteilte ihnen jedoch eine Absage. Die Stadt Köln werde nicht auf die Sparkasse einwirken. Die Besetzung sei „illegal und nicht hinnehmbar“. Die Bezirksvertretung Kalk dagegen hat sich mehrheitlich für ein autonomes Zentrum ausgesprochen.
Die Zukunft
Keiner im Haus weiß, wie es weiter geht. Jeder Tag könnte der letzte sein. Bei einer Räumung wollen die Besetzer passiven Widerstand leisten – gewaltfrei. Ein möglicher Ausweg aus dem Konflikt: Ein eingetragener Verein handelt mit der Sparkasse eine Duldung aus und zahlt eine symbolische Miete. Da aber die Sparkasse alle Besetzer angezeigt hat, kann keiner von ihnen einen Verein gründen.
Einen Anfang haben die Besetzer gerade gewagt. Sie überwiesen der Sparkasse Geld für Strom und Wasser. Die tatsächlichen Kosten konnten sie nur schätzen, denn die Sparkasse redet nach Angaben der Besetzer nicht mehr mit ihnen. Wegen der drohenden Räumung haben sie einen Wachdienst organisiert. Auf dem Dach des Hauses sitzt rund um die Uhr ein Vermummter, der nach der Polizei Ausschau hält. Das Gespräch mit der Politik wollen sie weiter suchen.
„Wenn wir geräumt werden“, sagt Jens, „besetzen wir eben ein anderes Haus.“
Katharina Heckendorf








