Die Kölsch-Brauerei Gaffel hat mit ihrer Fassbrause einen riesigen Erfolg gefeiert. Vor kurzem ist sie ein Jahr alt geworden. Jetzt ziehen andere Brauereien nach und bieten ähnliche Limonaden an – denn der Bierdurst im Land sinkt seit Jahren. Limo liegt im Trend.
Zuerst haben die Bierbrauer nur ein bisschen Limonade ins Bier gemischt. Was vor 16 Jahren mit Mixery anfing, hat zu den wildesten Limo-Bier-Kreationen geführt, mittlerweile kann man Bier mit Minze, Kaktusfeige oder gar Cappucino trinken. In schöner Regelmäßigkeit kommen neue Mischgetränke auf den Markt. Bier verkauft sich längst nicht mehr von allein. Seit den siebziger Jahren kaufen die Deutschen Jahr für Jahr weniger. Eine Not, die erfinderisch macht. Und so hat die Kölner Gaffel-Brauerei vor einem Jahr das Bier ganz weg gelassen und die “Fassbrause” auf den Markt gebracht.
Es scheint, als hätten die Verbraucher nur darauf gewartet. Nach kaum drei Monaten hatte Gaffel schon Lieferschwierigkeiten. Und nach eigenen Angaben seine Absatzschätzung für das gesamte Jahr übertroffen. Die Fachzeitschriften Catering inside und Getränke Zeitung wählten die Gaffel-Limo zu den besten drei Neueinführungen des Jahres. Die Presse war euphorisch, das Magazin des Kölner Stadt-Anzeigers wählte Gaffel im Limo-Test zum “Sieger der Saison”. Die Fußballweltmeisterschaft, sonst ein ausgemachtes Volksereignis, bei dem der Bier-Absatz anzieht, tat ihr Übriges.
Gaffel, eine Privatbrauerei im Familienbesitz, kämpft mit den gleichen Problemen wie die anderen deutschen Brauereien. Es wird schwieriger, sich am Biermarkt zu behaupten: Der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland lag 1975 noch bei 148 Litern im Jahr, im vergangenen Jahr waren es noch knapp 102 und damit auch weniger als 2009. Biermischgetränke kommen langsam auch wieder aus der Mode, ihr Absatz sinkt noch schneller. Von 98,3 Millionen Hektolitern Bier, die in 2010 verkauft wurden, entfiel fast ein Viertel auf NRW. Das Land mit den meisten Einwohnern hat auch die mit dem größten Bierdurst.
Während Gaffel zum Geburtstag am 1. April 10.000 Flaschen Limo in der Stadt verschenkte, gab es in Kölner Supermärkten und Büdchen schon eine neue Fassbrause zu kaufen. Dahinter steckt das “Haus Kölscher Brautradition”, das zur Radeberger-Gruppe gehört und die Marken Sion, Gilden, Küppers, Peters und Sester Kölsch vertreibt. Die neue Brauerei-Limo schmeckt wie Gaffels Brause nach Zitrone, sie heißt ebenso Fassbrause. Nur hat sie nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen.
Im Prinzip kann jeder seine Limo so nennen. Fassbrause ist keine eingetragene Marke, sondern bezeichnet einfach eine Limonade mit Kräuter- und Malzextrakten – die ursprünglich aus Fässern gezapft wurde. Der Name ist vor allem in Berlin verbreitet, wo er 1908 erfunden wurde. Dort gibt es schon lange verschiedene Sorten zu kaufen.
Mit dem Berliner Klassiker haben die Gaffel- oder Sion-Brause allerdings wenig zu tun. Die beiden Getränke erinnern eher an Bionade, die nur das berühmteste Beispiel einer Limo-Renaissance ist, die seit Jahren anhält. Die Kölsch-Häuser sind auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Und taten gut daran: Gaffel hat seinen Absatz 2010 nach eigenen Angaben um 3,5 Prozent gesteigert. Dass die Fassbrause wesentlich dazu beigetragen hat, ist nicht schwer zu erkennen.
Sagen möchte das Unternehmen dazu aber nichts. Wie viele Flaschen es bislang verkauft hat, wie stark die Fassbrause zur Absatzsteigerung beigetragen hat, wie hoch denn die Absatzerwartungen waren, die das Haus mit der Limo bereits nach drei Monaten übertroffen hat – nur wenige der Fragen, auf die Gaffel gegenüber elfnachelf nicht geantwortet hat. “Ich bitte zu respektieren, dass Gaffel keine weiteren Zahlen veröffentlicht”, war der zentrale Satz eines Unternehmenssprechers.
Gaffel ist vorsichtig. Erfolgsnachrichten über die Limo verbreitet das Unternehmen gern, bezeichnet sich immer noch gern als “beliebteste Fassbiermarke der Sorte Kölsch”, aber Zahlen sind selten geworden. Seit Jahren streiten sich die Gebrüder Becker vor Gericht, beide waren früher geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens, heute nur noch einer. Johannes Becker, der jüngere Bruder, wurde 2006 gechasst. Seitdem haben Heinrich Becker und sein Sohn das Sagen bei Gaffel, seitdem tragen die beiden Brüder ihre Familienfehde um die Macht im Unternehmen öffentlichkeitswirksam aus – und schaden damit der Marke. Johannes Becker spricht sogar davon, das Unternehmen mache Verlust. Die Financial Times Deutschland hat vor Kurzem die Frontlinien des “Kölschen Bruderkriegs” nachgezeichnet. Im Mai steht der nächste Gerichtstermin an.
Jan Willmroth








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