Elfnachelf erklärt, wie eine Studenten-Initiative Kölner Hauptschülern beim Anschluss ans akademische Milieu hilft.
Terry Ly klingelt. Dann hält sie die Tür auf für Zahra Hassan, zusammen gehen sie ins weißgekachelte Biochemie-Labor der Medizinischen Fakultät der Kölner Universität. Zahra, 15 Jahre alt, will hier ein Praktikum machen, die Professorin muss aber noch ein wichtiges Formular dafür ausfüllen.

Zahra Hassan (links) und Terry Ly treffen sich vor der Kölner Uniklinik. Foto: Bastian Brinkmann
Terry Ly, acht Jahre älter als Zarah, macht das öfter, dieses Türenöffnen. Denn Zarah ist auf einem langen Weg, er beginnt in Irak, führt sie im Moment durch eine Hauptschule und soll – so die Hoffnung – später einmal über die Uni in ein biochemisches Labor führen. Ein weiter Weg, und viele Türen.
Damit Zahra ihn etwas leichter gehen kann, gibt es Studenten wie Ly. Sie engagiert sich bei Rock Your Life - einer Initiative, die Hauptschülern einen Studenten an die Seite stellt. An gut einem Dutzend Standorten in Deutschland gibt es bereits etwa 400 Rock-Your-Life-Paare, an sechs weiteren gründen sich gerade Gruppen.
Bundesweit treffen also mehr und mehr Lis auf Zahras und reden über die Zukunft. In Köln beispielsweise startet Rock Your Life in diesen Wochen mit etwa 30 Studenten. Doch schon seit einem halben Jahr gibt es eine Pilotgruppe an einer Kölner Hauptschule.
Die Studenten kamen damals in die Adolph-Kolping-Schule im Stadtteil Kalk und stellten sich in der Klasse 9b vorne an die Tafel, unter ihnen Terry Ly. Der Lehrer hatte gefragt, wer gerne einen Studenten haben möchte, Zahra meldete sich. Dann schrieb sie auf einen Zettel, was sie sich davon erwartet: “Dass die Studenten uns helfen, unseren Traumberuf zu finden.” Auch Ly hatte in einen Motivationsbogen geschrieben, warum sie sich engagiert: “Weil ich weiß, wie gut es ist, in schwierigen Zeiten Unterstützung und Rat zu erhalten.” Wie die vielen anderen Mentoren sieht sie Probleme im Bildungssystem und will mithelfen, etwas daran ändern. Die beiden jungen Frauen wurden ein Team.
Zahra weiß zwar nicht genau, wo sie später arbeiten will. Aber sie weiß, was sie nach der Hauptschule machen möchte: erst das Abitur, dann studieren – Biologie oder Chemie. Doch ihr fehlt die Vorstellung, wie man so etwas macht. Ihr Vater hat in einer Brotfabrik gearbeitet, nachdem sie aus Irak weggezogen sind. Jetzt sind die Eltern zu Hause. In Zahras Klasse wollen die Mädchen Arzthelferin werden und die Jungs Automechaniker. In ihrem Umfeld gab es bislang keinen, der ihr erklären konnte, was eine Immatrikulationsbescheinigung ist.

Foto: Bastian Brinkmann
Nun kommt Terry Ly. Die Aachenerin studiert seit zwei Jahren in Köln Medizin. Sie und Zahra gehen ins Museum, backen Kuchen, machen Spaziergänge, alle paar Wochen treffen sie sich. Einmal nimmt Ly Zahra mit in die Universität, da war Zahra vorher noch nie. Sie besuchen eine Biologie-Vorlesung, es geht um Mitochondrien in Zellen, und eine Physiologie-Vorlesung über das vegetative Nervensystem. Dinge, die Zarah später auch einmal im Hörsaal lernen wird – wenn alles klappt mit dem Traum.
Es sind Geschichten wie die von Terry Ly und Zahra Hassan, die Elisabeth Hahnke allzu gerne hört. Sie hat Rock Your Life 2008 mit Kommilitonen der privaten Zeppelin-Universität in Friedrichshafen gegründet. Unternehmer und Stiftungen förderten das Projekt von Beginn an. Die Firmen hoffen vor allem, über das Projekt an ambitionierte Hauptschüler zu kommen. Aus der Studenten-Idee wurde ein kleines “Sozialunternehmen” mit mittlerweile drei halben Stellen und zwei Praktikanten. Das Projekt ist ein Franchise-System: Finden sich an einer Hochschule Engagierte, schulen die Friedrichshafener sie, schicken ihnen Materialen und stellen die organisatorischen Weichen.
In der persönlichen Beziehung zwischen Student und Schüler liegt der Schlüssel für den Erfolg. Daher ist nicht jeder Student als Coach geeignet. Sie dürfen die Hauptschüler nicht als Opfer sehen, sagt Gründerin Hahnke. “Das sind smarte Kids mit knackigen Ideen.” Der Schüler stehe im Fokus, der Student müsse dranbleiben, auch wenn er drei Mal versetzt werde: “Dass das Tandem sich trifft, ist der wichtigste Indikator, dass es funktioniert.”
Was Rock Your Life privat auf die Beine stellt, versucht auch der Staat. Vor einem Jahr startete Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) das 362 Millionen Euro schwere Programm Bildungsketten, das bis 2014 läuft. Mittlerweile arbeiten bundesweit fast 700 sogenannte Berufseinstiegsbegleiter in den Schulen, ihre Zahl soll noch auf 1000 steigen, heißt es. Im Schnitt helfen sie 20 Schülern beim Sprung ins Berufsleben. Zum Vergleich: 2009 haben etwa 250.000 junge Menschen die Hauptschule absolviert, jeder zweite von ihnen findet nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes keinen richtigen Ausbildungsplatz. Damit sich das ändert, gibt es außer den Bildungsketten und Rock Your Life jede Menge lokale Initiativen, Mentorenprogramme von Industrie- und Handelskammern zum Beispiel.
In Köln stehen Terry Ly und Zahra Hassan im Flur der Medizinischen Fakultät. Links und rechts gehen die Labore ab, in denen Zahra im November ihr Praktikum machen will. Ly hat sie eine Bewerbung schreiben lassen und sie dann überarbeitet, zum Beispiel hinzugefügt, dass Zahra ja schon in zwei Vorlesungen war. Das kam gut an, das Praktikum ist ihr fast sicher. Die Professorin muss nur noch ein Formular von Zahras Schule unterschreiben. Also los.
Terry schaut auf den Raumplan und geht vor. Zahra schaut auf ihr Handy. An der Tür der Professorin klopft Ly und tritt ein. Zahra bleibt etwas schüchtern im Türrahmen stehen. Ly erklärt der Professorin, warum sie hier sind. “Haben Sie da einen Zettel?”, fragt die Professorin und guckt zu Ly, Ly guckt zu Zahra, und diese geht langsam vorwärts zum Schreibtisch der Wissenschaftlerin, um ihren Schein ausfüllen zu lassen. Es sind kleine Schritte, die für Zahra groß sind. Und die sie ohne Mentorin wohl kaum gegangen wäre.
Der Artikel ist in ähnlicher Form diesen Montag in der Süddeutschen Zeitung erschienen.







Das ist das gute “neue” (alte) von allen Medien hochgehaltene Wunschziel Abi, Studieren…Karriere machen. Am besten noch berühmt werden, rock your live. Bis die Menschen aufwachen und merken, dass sie nur dem Kapital dienen und in unserem Schuldgeldsystem in Zinsknechtschaft geraten sind.